Eva war schuld. Natürlich. Wer sonst?

So ungefähr kennen wir die Geschichte. Eva lässt sich von der Schlange verführen, beißt in die verbotene Frucht, überredet auch noch den armen Adam – und seither haben wir den Schlamassel: Mühsal, Schmerzen, Tod und das Böse in der Welt. Vielen Dank auch, Eva!

Nur: So steht es gar nicht in der Bibel. Zunächst einmal: Wo ist eigentlich der Apfel? Nirgends. Im zweiten und dritten Kapitel der Genesis ist lediglich von der Frucht des „Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse“ die Rede. Der Apfel kam erst später in die Geschichte – vermutlich auch aufgrund eines lateinischen Wortspiels, weil malum sowohl „Apfel“ als auch „Übel“ bedeuten kann. Aber das ist noch die harmloseste Veränderung, die Evas Geschichte im Lauf der Jahrhunderte erfahren hat.

Denn auch von einer raffinierten Verführerin, die einen unschuldigen Adam ins Verderben zieht, steht dort nichts. Die Schlange spricht mit Eva. Eva betrachtet die Frucht, denkt darüber nach, nimmt und isst. Dann gibt sie Adam davon.

Und Adam? Der steht offenbar daneben. Im hebräischen Text heißt es ausdrücklich, dass sie die Frucht „ihrem Mann bei ihr“ gibt. Kein Protest. Kein: „Eva, um Himmels willen!“ Kein heldenhafter Versuch, seine leichtsinnige Gefährtin vor dem Verderben zu bewahren. Er nimmt. Er isst. Fertig.

Aber Eva wollte Erkenntnis!

Ja. Unverschämterweise. Die Frau sieht, dass die Frucht gut zu essen, schön anzusehen und begehrenswert ist, weil sie klug macht. Ist das nicht bemerkenswert! Eva greift nicht nach Reichtum. Nicht nach Macht über Adam. Nicht nach ewiger Jugend. Sie will Erkenntnis. Man könnte sagen: Die erste Frau der Bibel stellt eine Frage, überschreitet eine Grenze und möchte wissen, was dahinterliegt. Das ging in der späteren christlichen Auslegungsgeschichte nicht besonders gut für sie aus.

Aus Neugier wurde Ungehorsam. Aus Erkenntnisdrang Verführbarkeit. Und aus Eva schließlich die Frau, durch die die Sünde in die Welt gekommen sei. Praktischerweise ließ sich daraus gleich noch etwas über Frauen im Allgemeinen lernen: Frauen seien leichter verführbar, weniger vernünftig und deshalb besser nicht mit allzu viel Verantwortung auszustatten.

Eine erstaunliche Karriere für ein paar Verse.

Und wer versteckt sich hinter Eva?

Nach dem Essen erkennen beide, dass sie nackt sind. Als Gott Adam zur Rede stellt, antwortet der sinngemäß: Die Frau war’s. Genauer gesagt wird es noch schöner: „Die Frau, die du mir gegeben hast …“

Adam schafft damit etwas, das Menschen bis heute ausgezeichnet beherrschen und liebend gern anwenden: Verantwortung gleichzeitig nach unten und nach oben weiterzureichen. Eva ist schuld. Und ein bisschen auch Gott, weil er sie schließlich erschaffen hat.

Eva dagegen sagt immerhin, was passiert ist: Die Schlange hat sie getäuscht und sie hat gegessen.

Keiner der beiden glänzt in dieser Geschichte. Aber ausgerechnet Eva allein zur Hauptschuldigen zu machen, gibt der Text schlicht nicht her.

Steht da überhaupt etwas von „Sündenfall“?

Auch das ist interessant: Das Wort Sünde kommt in der ganzen Geschichte nicht vor. Erst viel später wurde aus Genesis 3 die große Erzählung vom „Sündenfall“, mit weitreichenden theologischen Folgen. Besonders einflussreich wurde die Vorstellung, dass durch diesen einen Akt Sünde und Tod über die gesamte Menschheit gekommen seien.

Doch die Erzählung selbst ist vielschichtiger. Sie handelt von Freiheit und Grenzen. Von Erkenntnis und Verantwortung. Von Scham. Vom Erwachsenwerden vielleicht. Davon, dass Menschen Gut und Böse erkennen können – und nun damit leben müssen. Und sie erzählt davon, dass Erkenntnis ihren Preis hat. Denn eines stimmt tatsächlich: Nachher ist die Welt nicht mehr dieselbe.

Hat Gott Eva dem Mann untergeordnet?

Das finde ich persönlich besonders spannend: Nach dem Essen beschreibt Gott, wie das Leben außerhalb des Gartens aussehen wird. Zur Frau heißt es, der Mann werde über sie herrschen. Dieser Satz wurde jahrhundertelang gerne als göttliche Weltordnung gelesen: Seht ihr? Gott selbst hat den Mann zum Herrn über die Frau bestimmt!

Nur steht dort nicht: „So soll es sein.“ Es steht sinngemäß: So wird es sein. Die Herrschaft des Mannes über die Frau erscheint in der Erzählung also nicht als paradiesischer Idealzustand, sondern als Teil einer beschädigten Welt. Das ist ein ziemlich großer Unterschied.

Wer männliche Vorherrschaft mit dieser Bibelstelle rechtfertigt, erklärt damit ausgerechnet eine Folge des verlorenen Paradieses zum Willen Gottes. Das muss man erst einmal schaffen.

Freispruch für Eva?

Nicht ganz. Eva überschreitet eine Grenze. Adam auch. Beide wollen sein „wie Gott“ und Gut und Böse erkennen. Beide müssen Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Aber Eva ist weder die Erfinderin des Bösen noch die dämonische Verführerin des Mannes. Vielleicht ist sie sogar eine der interessantesten Gestalten der biblischen Urgeschichte: neugierig, entscheidungsfähig, risikofreudig – und bereit, nach Erkenntnis zu greifen. Das macht sie nicht zur feministischen Heldin. Aber eben auch nicht zur Mutter allen Übels.

Die Geschichte von Eva erzählt nicht vom Versagen der Frau, aber durchaus von menschlichem Versagen. Dass daraus über Jahrhunderte trotzdem eine Geschichte über weibliche Schuld, weibliche Verführbarkeit und die notwendige Unterordnung von Frauen wurde, sagt möglicherweise mindestens so viel über ihre Ausleger wie über Eva selbst.

Daraus ergibt sich für uns eine herrlich ketzerische Erkenntnis: Manchmal lohnt es sich, mit einem kritischen Blick auf die tatsächlichen Inhalte die Bibel vor dem zu retten, was Menschen aus ihr gemacht haben.

Gerti Rohrmoser