Jahrhundertelang war der Mann in der Medizin das Maß der Dinge. Genauer gesagt: der männliche Körper. An ihm wurde geforscht, an ihm wurden Symptome beschrieben, an ihm orientierten sich Diagnose und Therapie. Frauen kamen selbstverständlich auch vor – als Patientinnen. Als medizinischer „Normalfall“ allerdings sehr viel weniger.
Das klingt nach einem Kapitel aus der Medizingeschichte? Leider nein. Zwar hat sich inzwischen sehr viel verändert. Aber die Folgen dieses blinden Flecks beschäftigen die Medizin bis heute.
Wenn „typisch“ vor allem männlich bedeutet
1991 veröffentlichte die amerikanische Kardiologin Bernadine Healy im renommierten New England Journal of Medicine ihren berühmten Artikel über das „Yentl-Syndrom“. Der Name spielt auf die Geschichte einer jungen Frau an, die sich als Mann ausgeben muss, um studieren zu dürfen.
Healys These war provokant: Auch in der Medizin müssten Frauen gewissermaßen erst Männern ähnlich werden, um dieselbe Aufmerksamkeit und Behandlung zu bekommen.
Besonders deutlich zeigte sich das bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Lange galt der Herzinfarkt als typische Männerkrankheit, und entsprechend männlich geprägt war das medizinische Wissen darüber.
Heute wissen wir: Frauen können bei einem Herzinfarkt durchaus den klassischen Brustschmerz haben. Daneben können aber auch Atemnot, Übelkeit, Oberbauch- oder Rückenschmerzen und ungewöhnliche Erschöpfung auftreten. Symptome können anders gewichtet, anders wahrgenommen – und deshalb manchmal später richtig eingeordnet werden.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind dennoch bis heute die häufigste Todesursache von Frauen in Österreich.
Frauen sind nicht kompliziert. Forschung schon.
Frauen galten in der medizinischen Forschung lange als eher unbequeme Studienobjekte. Hormonschwankungen, Zyklus, Schwangerschaftsmöglichkeiten – all das schafft zusätzliche Variablen. Also machte man es sich einfacher.
Über viele Jahre waren Frauen in klinischen Studien deutlich unterrepräsentiert. Das Problem dabei liegt auf der Hand: Was vor allem an Männern erforscht wurde, lässt sich nicht automatisch eins zu eins auf Frauen übertragen.
Denn Medikamente können unterschiedlich aufgenommen, verteilt, verstoffwechselt und ausgeschieden werden. Hormone, Körperzusammensetzung, Alter und andere biologische Faktoren spielen dabei eine Rolle. Frauen berichten zudem häufiger über unerwünschte Arzneimittelwirkungen.
Die Lösung kann allerdings kaum darin bestehen, Frauen aus der Forschung herauszuhalten, weil ihre Körper „zu kompliziert“ sind. Vielleicht war eher die Forschung zu einfach gedacht.
Biologie ist das eine. Gesellschaft das andere.
Gendermedizin beschäftigt sich deshalb nicht nur mit biologischem Geschlecht – also etwa Chromosomen, Hormonen, Stoffwechsel oder Körperzusammensetzung. Mindestens ebenso interessant ist die Frage, was gesellschaftliche Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit mit unserer Gesundheit machen. Denn auch Ärztinnen und Ärzte sind nicht frei von Bildern und Erwartungen, die wir alle im Kopf haben: Eine erschöpfte, ängstliche Frau? Vielleicht psychisch belastet. Ein erschöpfter Mann? Vielleicht stimmt körperlich etwas nicht.
Natürlich läuft eine Diagnose nicht immer so ab. Aber geschlechtsspezifische Stereotype können beeinflussen, welche Beschwerden ernst genommen, welche Fragen gestellt und welche Diagnosen überhaupt in Betracht gezogen werden. Die Schieflage funktioniert freilich in beide Richtungen.
Bei Frauen besteht das Risiko, körperliche Beschwerden vorschnell zu psychologisieren. Bei Männern wiederum können Depressionen übersehen werden, wenn sie sich nicht durch das erwartete Bild von Traurigkeit und Rückzug zeigen, sondern beispielsweise durch Reizbarkeit, Aggressivität, erhöhten Alkoholkonsum oder riskantes Verhalten. Gendermedizin bedeutet gerade nicht: Frauenmedizin. Sie fragt vielmehr: Was brauchen Menschen, damit sie möglichst passend behandelt werden?
Ein starkes Immunsystem hat auch seine Tücken
Auch unser Immunsystem zeigt, warum „besser“ und „schlechter“ in der Medizin selten besonders hilfreiche Kategorien sind. Frauen verfügen im Durchschnitt über stärkere Immunantworten und können manche Infektionen besser abwehren. Gleichzeitig treten verschiedene Autoimmunerkrankungen bei Frauen deutlich häufiger auf.
Ähnlich differenziert muss man Herz-Kreislauf-Erkrankungen betrachten. Früher hieß es gern, Östrogen schütze Frauen bis zur Menopause vor Herzinfarkten. Heute weiß man: So einfach ist es nicht.
Der weibliche Lebenslauf bringt eigene Risikofaktoren mit sich. Schwangerschaftsdiabetes, Schwangerschaftsbluthochdruck oder Präeklampsie können beispielsweise Hinweise auf ein langfristig erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko sein. Auch eine frühe Menopause kann eine Rolle spielen. Eine Schwangerschaft ist damit nicht nur ein Kapitel der Gynäkologie. Sie kann Informationen über die spätere Gesundheit einer Frau liefern.
Fünfmal anders als gedacht
1. Herzinfarkt ist keine Männerkrankheit.
Frauen können andere oder weniger eindeutig zugeordnete Beschwerden zeigen. Deshalb ist wichtig, bei entsprechenden Symptomen auch an das Herz zu denken.
2. Medikamente wirken nicht automatisch bei allen gleich.
Geschlecht kann Wirkung, Abbau und Nebenwirkungen beeinflussen. Trotzdem fehlen bei manchen Arzneimitteln noch ausreichend geschlechtsspezifisch ausgewertete Daten.
3. Frauen leben länger – aber nicht unbedingt gesünder.
In Österreich haben Frauen eine höhere Lebenserwartung als Männer, verbringen aber mehr Lebensjahre mit gesundheitlichen Einschränkungen.
4. „Frauenkrankheiten“ und „Männerkrankheiten“ können in die Irre führen.
Osteoporose und Depression treffen auch Männer. Herzinfarkt und Schlaganfall treffen selbstverständlich auch Frauen. Wer Krankheiten vorschnell einem Geschlecht zuordnet, riskiert, sie beim anderen zu übersehen.
5. Geschlecht ist mehr als Biologie.
Arbeitsbedingungen, Einkommen, Care-Arbeit, Gewalterfahrungen, Rollenbilder und Gesundheitsverhalten beeinflussen Gesundheit ebenfalls. Wer über Gendermedizin spricht, muss deshalb auch über gesellschaftliche Verhältnisse sprechen.
Wissen ist auch eine Machtfrage
Und genau hier wird Gendermedizin für uns als Frauenarbeit besonders interessant. Denn hinter all den medizinischen Details steckt eine grundsätzliche Frage: Wer gilt als Norm? Wessen Körper wird erforscht? Wessen Symptome finden Eingang in Lehrbücher? Wessen Schmerz wird ernst genommen? Bei wem sucht man nach körperlichen Ursachen – und wem empfiehlt man erst einmal, Stress zu vermeiden?
Die Geschichte der Frauenbewegung zeigt: Gleichbehandlung ist nicht automatisch gerecht, wenn die Ausgangsbedingungen verschieden sind. Das gilt offenbar sogar für Tabletten.
Eine Medizin, die alle Menschen gleich behandelt, klingt zunächst wunderbar gerecht. Eine gute Medizin muss aber manchmal Unterschiede wahrnehmen, um Menschen gleich gut behandeln zu können.
Von der Gendermedizin zur individuellen Medizin
Seit den 1990er-Jahren hat sich viel getan. Frauen werden heute stärker in medizinische Forschung einbezogen, geschlechtsspezifische Unterschiede werden systematischer untersucht und Gendermedizin ist auch in Österreich in Forschung und Lehre verankert. An der Medizinischen Universität Wien wurde 2010 mit Alexandra Kautzky-Willer die erste Professur für Gendermedizin in Österreich eingerichtet. Doch das Ziel reicht inzwischen weiter.
Moderne Medizin möchte möglichst individuell behandeln. Alter, Geschlecht, genetische Voraussetzungen, Lebenssituation, Vorerkrankungen, soziale Bedingungen und viele andere Faktoren sollen berücksichtigt werden, wenn Prävention, Diagnose und Therapie geplant werden. Das klingt eigentlich selbstverständlich. Aber wie so oft hat es erstaunlich lange gedauert, bis jemand die vermeintlich selbstverständliche Frage gestellt hat: Was, wenn der Mensch, den die Medizin jahrhundertelang für den Normalfall hielt, in Wahrheit nur die Hälfte der Menschheit war?
Zum Weiterlesen
Vera Regitz-Zagrosek / Stefanie Schmid-Altringer: „Gendermedizin. Warum Frauen eine andere Medizin brauchen“
Scorpio Verlag, 2020. Ein gut verständlicher Einstieg in die Gendermedizin – von Herz-Kreislauf-Erkrankungen über Medikamente bis zu den Folgen einer lange Zeit vorwiegend männlich orientierten medizinischen Forschung.
Alexandra Kautzky-Willer / Andrea Rieder: „Gender Medizin. Geschlechtsspezifische Aspekte für die klinische Praxis“
Ein deutlich wissenschaftlicherer Zugang, vor allem für alle, die tiefer in die medizinischen Hintergründe einsteigen möchten.
Mareike Fallwickl / Eva Reisinger: „Das Pen!smuseum“
Kein Buch über Gendermedizin im engeren Sinn, aber eine höchst lesenswerte Auseinandersetzung damit, wie sehr männliche Perspektiven unsere Vorstellung davon geprägt haben, was „normal“ und wichtig ist. Das gilt bekanntlich nicht nur fürs Museum.
Zum Hören
„Hormongesteuert“ – der Podcast von MDR Wissen
Beschäftigt sich mit Hormonen, Körper, Gesundheit und Geschlecht und räumt dabei mit etlichen hartnäckigen Mythen auf.
Podcasts und Beiträge der Medizinischen Universität Wien zur Gendermedizin
Besonders empfehlenswert sind Beiträge mit der österreichischen Gendermedizinerin Alexandra Kautzky-Willer. Sie forscht seit vielen Jahren zu geschlechtsspezifischen Unterschieden unter anderem bei Diabetes, Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.